Manchmal bete ich diese letzte Vater-Unser-Bitte anders, wenn ich in der Stille, z.B. in einem Sesshin, bin. Dann ist mir deutlich geworden, dass Abhängigkeiten und Süchte, das innere Gefängnis, eine bittere Realität sind. Für diese kann ich niemand als schuldig erklären, sie ist in mir. Hunger und Durst nach Essen und Trinken, nach Anerkennung, Befriedigung und Macht können sich in der Stille zeigen; ja, ich sollte sie sogar endlich wahr nehmen – geht es doch darum, „sich selbst zu studieren“ (Meister Dogen). Alles Tun, jegliche Reaktion auf Widerfahrnisse ist wie die Welle des Meeres auf der Oberfläche. Das Eigentliche sind unsere inneren Bewegungen, die uns auch nach jahrelanger spiritueller Praxis vor die Frage stellen: Wie frei bist du wirklich?
Hier begegnen sich Jesus und Buddha als Gefährten auf dem Weg: Der eine spricht von den drei Giften, die das Leben zerstören. Unwissenheit, Abneigung und Gier schaffen es, dass das Herz unter einer ständigen Unruhe und Friedlosigkeit leidet. Es ist die Ignoranz gegenüber mir selbst, das Nicht-wahr-haben-wollen meiner eigentlichen Wirklichkeit. Es ist das Aus-dem-Weg-gehen von dem, was ich als unangenehm für mich empfinde. Und es ist das unbedingte Haben-Wollen von dem, was mir illusionär Heil und Glück vorgaukelt.
In ähnlicher Weise macht Jesus in der Geschichte seiner Wüsten-Erfahrung aufmerksam auf „Versuchungen“, in denen der Mensch erprobt und geprüft wird. Auch hier geht es wieder um den Hunger – nach Essen, nach Macht und nach übermenschlicher Größe. Und es fällt auf, dass die Überlieferung davon spricht, der Geist habe Jesus in diese Situationen geführt. Keinem Menschen bleiben diese durch Mark und Bein gehenden Fragen erspart; sie gehören zum Weg dazu.
Geduldiges Sitzen in der Stille, eintauchen in den Atem hilft und lässt nach und nach die Bewegungen zur Ruhe kommen. Der Weg dorthin ist steinig und führt immer wieder durch ein Erleben von Ohnmacht gegenüber der scheinbaren Übermächtigkeit dessen, was mich nicht aus der Abhängigkeit entlassen will. Kein Wunder also, dass Menschen immer wieder das Böse als eine eigenständige personale Macht gesehen haben, die Menschen versklavt und in nicht vorstellbarem Ausmaß dazu anleitet, Leben zu zerstören. Auch wenn ich meine eigenen Abhängigkeiten nach und nach durchschaue und „sein lasse“: Erlösung und Befreiung können nie das Ergebnis eigener Anstrengung sein, auch wenn diese dazu gehört. Alles, was der Mensch wollen kann, entspringt seinem notwendigerweise begrenzten Vorstellungsvermögen. Hier aber geht es um das Vertrauen darüber hinaus, ins Grenzenlose. Und oft geschieht der „Durchbruch“ ja gerade da, wo das innere Gefangen-Sein am drängendsten ist. Hier kommt die Kraft des Bittens, des Gebets ins Spiel: ohne oder mit Worten, aus der Tiefe. „Erlöse uns!“
Wenn ich im Grundgebet unseres Programms die Worte spreche: „der uns in unendlicher Liebe erlöst hat“, dann spüre ich, dass es hier („hat“) nicht um etwas Fertiges, Abgeschlossenes geht. Erlösung geschieht. Mitten in unserer Welt, die sich immer mehr als erlösungs-bedürftig zeigt, können wir Menschen die Türen dafür öffnen. Wir können es nicht machen, aber dazu mit unserem ganzen Sein, mit all unseren Kräften einladen und es geschehen lassen. Es ist in unsere leeren Hände gelegt.
Wen siehst du, wenn du in die Krippe schaust? Gott. In aller menschlichen Unvollkommenheit, Begrenztheit und Demut, und dennoch: Den ganzen unendlichen Gott. Du siehst die grenzenlose Wirklichkeit, wie sie sich mitteilt, wie sie überfließt, wie das Formlose Gestalt wird in diesem Menschen Jesus. Wie das Meer unzähliger Möglichkeiten sich verkörpert in Raum und Zeit, sich manifestiert, greif- und sichtbar wird. Wie dieser Mensch Jesus Ausdruck der unbedingten, sich verschenkenden Liebe ist und einmal diese Liebe erwidern wird, sich zurückgeben wird, bis in die Hingabe seiner selbst am Kreuz. Wie dieser Mensch einmal von sich selber sagen wird: „Ich und der Vater sind eins.“
Wen siehst du, wenn du in die Krippe schaust? Dich selbst. Du wirst angezogen von dem, dessen Bild und Gleichnis du bist. „Die unendliche Wirklichkeit ist in Dir.“ In jedem Menschen, also auch in Dir, wird Gott Mensch, mit dem einzigen Ziel: dass der Mensch Gott werde, sich seiner nicht messbaren Würde bewusst werde und diese in Liebe verwirkliche. Diese zu verwirklichen, das heißt einzutauchen in den Fluss göttlicher Selbstoffenbarung, in die Dynamik der neuen Schöpfung, die nicht aufhört, Neues zu kreieren, menschlich Undenkbares möglich zu machen. Die einzige Zutrittsbedingung dafür ist Empfänglichkeit, die Bereitschaft, DAS Geschenk anzunehmen, mich selbst, so. Und in mir den Bruder, die Schwester, die Menschen, den Kosmos. Gott ist Mensch geworden, das heißt ja auch: Er ist dein Nächster / deine Nächste geworden.
Was ist das für eine Krippe, in die du schaust? Es ist jene, die nicht an das Weihnachtsfest gebunden ist. Sie ist diese, welche du siehst, wenn du in dich gehst. Dieses „in dich“ ist kein gedachter, ideeller Ort. Es spricht dich an mit deinem Leib und deiner Situation, mit deinen Gefühlen und deiner Lebensgeschichte. „Gott ist Fleisch geworden.“ Allzu oft will der Mensch dieses Geschenk nicht, setzt eine Grenze zwischen Gott und sich selbst, zwischen Zeit und Ewigkeit. In sich Gott zuzulassen, das bedeutet hinauszugehen aus dem Ego-Zentrum, sich zu vergessen, sich zu verlieren, um sich neu zu finden, nicht in einem Etwas, sondern im Ganzen, in der Verbundenheit der ganzen Schöpfung.
Wie also geschieht Weihnacht in dir? Wie kann es sein, dass Unendliches und Endliches zusammen kommen, sich verbinden? Dazu braucht es wohl einen anderen Blick, weg von der Wahrnehmung der Wirklichkeit als statisches, stabiles, festes „Sein“ hin zu einem aus grenzenlosen Möglichkeiten heraus entstehendem „Werden“. „Sein“ verführt zum Haben- und Festhalten-Wollen, „Werden“ lässt sich nicht festhalten, es geschieht einfach mitten im Loslassen. Loslassen und neu werden sind die Triebkräfte des Lebens, die dazu einladen, dass ich mich ihnen anvertraue. Oft ist es nicht einfach, das Motiv des Vertrauens in sich zu spüren und wachsen zu lassen. Vielleicht ist Weihnachten ein Fest, in dem genau dies geschieht und zwar über alle Grenzen von Religionen, Nationalitäten und Sprachen hinweg.
Was könnte daraus resultieren, ganz praktisch? Es ist unsere Sprache, die uns oft verrät. Mit scheinbar sicher gewussten Begriffen und „das ist so“ – Formulierungen ziehen wir Grenzen gegenüber dem, was in aller Offenheit werden will. Es muss gar nicht „Haß-Sprache“ sein. Es ist der subjektive Blick, der sich so gern absolut setzt. Achten wir doch auf unsere Formulierungen, dass sie nicht aus- sondern einschließen, dass sie bereit sind für das Neue, was gerade im Entstehen ist.
In einer Zeit rapiden Wandels, der vielfach zu Unsicherheit und Zweifel führt, ist mein Weihnachtswunsch, dass viele Menschen durch den Blick in die Krippe Vertrauen fassen mögen in die Kraft unbesiegbarer Liebe; Vertrauen, um den nächsten Schritt zum Frieden zu wagen.
Auf dem Weg zum wahren Wesen gilt es, immer wieder die Perspektive zu wechseln. Zu einer solchen „Umkehr“ lädt Jesus ein, wenn er sagt: „Selig, die Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.“ Die Seligpreisungen haben in der katholischen Liturgie ihren festen Platz an Allerheiligen, am ersten November. Sie gelten allesamt nicht den Reichen und Mächtigen, den Königen und Kaisern – sie richten sich an Menschen auf der Schattenseite des Lebens; an jene, die von anderen gerne belächelt und als naiv abgestempelt werden.
Was ist hier mit Armut gemeint und was heißt dies für den Weg der Stille, für das Leben aus der Mitte? Es geht um mehr als nur um materielle Besitzlosigkeit. Schon in der frühen Kirche, also vor über 1700 Jahren, sann man darüber nach, wer denn der „wahre Arme“ sei, den Jesus selig preist. Bereits damals kam das Wie des Lebens, die Einstellung, die Ge-lassen-heit ins Spiel, die sich lösende Freiheit von dem, was den Menschen bindet. Damit ist Armut ein bewusster Verzicht auf Vorstellungen, Pläne, Emotionen und Urteile, die uns oft den Blick verstellen auf das unendliche Potential, das dem Menschen in jedem Augenblick seines Lebens zur Verfügung steht.
Ich löse mich von Einstellungen und Erwartungen, die zu Leid führen, bei mir und bei anderen, von „dukkha“, geboren oft aus Unsicherheit, Unzufriedenheit und Angst gegenüber den gegebenen Umständen und der vergebliche Suche, diesen zu entfliehen. Ich löse mich in dem Bewusstsein, dass dieser illusorische „Reichtum“ zu nichts führt. Ich löse mich und lasse mich (er)lösen in der Praxis stillen, empfänglichen Sitzens – einer Praxis, die mit dem Erklingen des Schluss-Gongs nicht aufhört, sondern ins Tun hinein ausstrahlt. Ich löse mich in dem geduldigen Aushalten, dass in mir Schicht für Schicht abgetragen werden, spiralförmig, nicht linear. Die innere Dynamik ist wesentlich langsamer als die vorgestellte Wunsch-Geschwindigkeit auf dem Weg. Wer ihn geht, diesen Weg, verarmt in gutem Sinne, hat nichts mehr, um sich festzuhalten und anzuklammern. Warum ist diese Art von Armut so wichtig?
Noch einmal wird uns ein Perspektivwechsel zugemutet: Es geht nicht um das Individuum. Es geht um eine Dynamik der Gottes-Wirklichkeit, in die hinein die Menschheit eingeladen ist. Und unsere Armut ist so etwas wie die Eintrittskarte. Näher hingeschaut: Gott zeigt sich, manifestiert sich, gibt sich, ist kreativ, verschwendet sich, ist gegenwärtig im Wirken des Geistes. Und das nicht nur einmal, etwa in Jesus Christus. Er gibt sich in jeder Kreatur und lädt ein, sich „einzuschwingen“ in das schöpferische Tun des Geistes, der ja bekanntlich alles neu macht. Einschwingen bedeutet hier: ganz und gar Teil zu werden eines liebevollen „Stirb und Werde“, in dem alles neu Geborene sich wieder verschenkt, sich gibt, stirbt, um „auferstehen“ zu können. Und auf einmal bekommt meine Armut eine globale Dimension. Sie befähigt mich dazu, mitzuwirken an der spirituellen Evolution unserer Welt, indem ich grenzenlos empfange. Je gründlicher ich arm bin, desto mehr kann mir gegeben werden. Empfangen und geben sind hier eins: Ohne das, was mir gegeben ist, festzuhalten, kann ich es weiter geben, kann ich mich darin weiter geben, kann ich mich verlieren.
Diese Armut entspricht der im Zen bekannten „Person ohne Status“, die nichts aus sich macht, weil sie, richtig verstanden, nichts ist. In solchem Empfangen und Geben, Ein- und Ausatmen nimmt der Mensch Teil am Wesen Gottes, realisiert er sein Eins-Sein mit der ganzen Schöpfung.
Damit uns Menschen dieses Potential bewusst wird, braucht es Stille und dazu oft Situationen radikalen Arm- und Angewiesen-Seins, ob Unfall oder Krankheit, „nicht erbetene“ Überraschungen des Lebens, verbunden mit der Frage: „Nimmst du es an?“ Wenn ich dann dem Impuls folge, nicht verdränge und mich nicht dagegen wehre, wenn ich es als Teil der Pädagogik des inneren Meisters sehe, dann kann eine Tür aufgehen. Dann steht auf einmal der Arme mitten in der Schatzkammer des Lebens, in der nichts fehlt.
Es kann aber auch der ganz gewöhnliche, „trockene“, unspektakuläre Alltag sein: mich von dem, was ansteht, an die Hand nehmen lassen und vielleicht gerade im scheinbar Bekannten, tausendmal Gemachten und Gesehenen das Licht finden, das immer da ist. Es ist der kleine Weg des nicht Besonderen, ohne emotionale Höhenflüge, ohne elitäres Gehabe und doch mit einem großen Frieden, der ausgeht von der Aufmerksamkeit und Wertschätzung des Jetzt.
„Selig die Armen“ – Jesus hat sich selbst seliggepriesen. Er hat alles gegeben, was er hatte und alles, was er war, bis zur Feindesliebe, bis in den Verbrecher-Tod. Und auch seine Gegenwart als Auferstandener weiß nichts von Reichtum und Macht: sie wirkt im Modus des Angebots, der Freiheit, sie ist wehrlos gegen Verweigerung. Da jedoch, wo ein Mensch auf dieses großherzige Angebot seines Lebens in großherziger Freiheit und Liebe antwortet, da leuchtet mitten in der Armut des Nicht-Wissens und Nicht-Vermögens eine nie gekannte Lebenskraft auf, da zeigen sich ungeahnte Möglichkeiten, unsere Welt hinein zu holen in die schon begonnene neue Schöpfung.
So von Armut zu reden, das setzt natürlich dem Missverständnis aus, als ob es egal wäre, wie viel ein Mensch an Gütern anhäuft, wie wenig ein Mensch über das verfügen kann, was er Tag für Tag braucht. Zen-Mönche waren diesem Vorwurf nicht ausgesetzt: Sie galten als freiwillig Arme, ähnlich wie die Bettelorden christlicher Tradition, und waren ein fester Teil der Gesellschaft. Aber auch ohne Mönch zu werden: Wie kann jemand lange Zeiten im Schweigen, im (er)lösenden Atmen verbringen und dann nicht bereit sein zu teilen, was er hat?
Legendär geworden ist die Armut und Einfachheit im Lebensstil von P. Lassalle. Am 2. November, Allerseelen, gedenken wir beim Zazenkai seiner und all derer, die uns auf dem Weg vorangegangen sind. Die von ihnen ausgehende Inspiration ist wie ein Wind, wie ein Feuer, das in Verantwortung ruft.
Herzlich, P. Paul
PS und zum Reformationstag:
„Wir sind Bettler“, das sind die letzten schriftlich überlieferten Worte Martin Luthers.
Der 6. August ist und bleibt für das Programm „Leben aus der Mitte“ ein wichtiger Jahrestag. Vor nunmehr 80 Jahren tötete und verletzte die Atombombe in Hiroshima mehrere Hunderttausend Menschen. Yamada Roshi und P. Lassalle, die beide mit den Anfängen des Meditationsprogramms verbunden sind, trugen fortan dieses Erleben in ihrem Körper und ihrem Geist. Immer wieder erinnerte P. Johannes Kopp, der Gründer des Programms, dass auch bei ihm das Erleben... Artikel ansehen
Wir begleiten Sie in die Stille – heißt es auf unserer Homepage, die im Laufe dieses Jahres ein neues Gewand bekommen soll. Viele Menschen haben Angst vor der Stille, dem Nicht-Lauten; vielleicht, weil sie intuitiv wissen, dass sie darin mit Altlasten des Lebens, mit Ressentiments, Vorwürfen, Anklagen und Verletzungen konfrontiert werden. All dies lässt sich ja nicht einfach „weg-schweigen“. Gleichzeitig gilt: Wir sind dem gegenüber nicht machtlos! Es ist wie... Artikel ansehen
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