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URHEIL 2019

Die ersten Tage des neuen Jahres sind vergangen, die Feuerwerke verraucht. Menschen auf dem ganzen Erdkreis haben sich Gutes gewünscht, Heil, Gesundheit. Und habe inmitten der Finsternis – selbst wenn dies nicht mehr im allgemeinen Bewusstsein ist – mit dem „künstlichen Feuer“ zu vertreiben versucht, was unheil ist und dem Menschen schadet. Die Furcht davor – vor dem Ungewissen – und die Suche nach bleibender Gewissheit verbindet über Generationen, Religionen und Kulturen hinweg.

Von drei Weisen ist in der Weihnachtserzählung des Evangeliums die Rede, die sich aufmachen und einem Stern folgen, von dem sie erhoffen, dass er sie dorthin führe, wo das Heil Gestalt angenommen hat.
Diese Weisen stehen für ein Wissen, das jedem Menschen angeboren, ins Herz geschrieben ist – die Rückseite der Angst davor, selbst mit allem Vergänglichen zu vergehen.

Je fragwürdiger die Wechselfälle und Entwicklungen auf der persönlichen und gesellschaftlichen Ebene werden, desto wichtiger wird es, sich aufzumachen und dem Stern zu folgen – jenem Sternenlicht, das immer da ist und darauf wartet, gesucht und gefunden zu werden.
Ob wir es die wesentliche Wirklichkeit von allem nennen, ob wir christlich von Gnade, liebender Gegenwart sprechen: Das Licht will gesucht sein – nicht etwa außerhalb der Dinge und Geschehnisse, sondern inmitten von dem, was heute so und morgen anders ist.

Welches Wunder: Das Unendliche, Unwandelbare, Unveränderliche, „Unkaputtbare“ lässt sich erfahren, freilich immer in Annäherung und doch wie „ein Streifen weißer Seide, vollständig frei von Staub und Schmutz“, in allem und unabhängig von allem. Wie der neu geborene König aller Zeiten, den die Weisen dort finden, wo sie der Stern hinführt. „Sie wurden von großer Freude erfüllt“: Damit ist wohl jene Freude gemeint, die niemand und nichts mehr nehmen kann.

In der Praxis der Zen-Kontemplation folgen wir dem Licht, das immer da ist. Die Übung der Meditation ist dabei Teil eines Lebensprogramms, in dem ich mich ganz und gar als Pilger, als Suchende verstehe.
Nicht nur in der Stille, mehr noch im Alltag will die Aufmerksamkeit immer wieder „heimkehren“ zu dieser Frage aller Fragen. Die Ereignisse wollen zum „Tor der Wahrheit“ werden, das ich durchschreite. Hindernisse entpuppen sich immer wieder als „torlose Schranke“. So mit dem Faktischen umzugehen, darin sehe ich meine Identität, meine Berufung, meine Beschäftigung. Es mag gut sein, sich dies am Beginn des Jahres in Erinnerung zu rufen. Ansonsten verlagert sich der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit – ungewollt, ganz allmählich, schneller als gedacht – vom Urheil zum Unheil!

Und wie es ist, wenn Menschen zusammen kommen, die ihr Vertrauen auf die Kostbarkeit des Urheils setzen, das haben viele von Ihnen erfahren, die kurz vor Weihnachten zum Lese- und Austauschabend ins Essener Medienforum kamen. Danke allen, die durch ihre Präsenz zur heilsamen Atmosphäre des Miteinanders beigetragen haben.

 

Zum guten Neuen noch eine kleine Erzählung:

Das Versteckspiel
Rabbi Barruchs Enkel, der Knabe Jechiel, spielte einst mit einem anderen Knaben Verstecken. Er verbarg sich gut und wartete, dass ihn sein Gefährte suchte. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck, aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, dass jener ihn von Anfang an nicht gesucht hatte.
Darüber musste er weinen, kam weinend in die Stube seines Großvaters gelaufen und beklagte sich über den bösen Spielgenossen. Da flossen Rabbi Baruch die Augen über, und er sagte: „So spricht Gott auch: ‘Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.’“ (Quelle)

P. Paul

 

 

Fotos: Inge Hausen-Müller