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Ostern, Zen und Mahl-Zeit

Am Sonntag nach Ostern gehen in der katholischen Kirche traditionell viele Kinder zum ersten Mal „kommunizieren“. Sie bekommen Anteil an der Mahlgemeinschaft in der Feier der Eucharistie. Sie empfangen den auferstandenen Christus im Brot, werden eins mit ihm. Es gibt junge Menschen, die dabei eine wirkliche Erfahrung des Eins-Seins machen dürfen, eingetaucht in die unendliche Wirklichkeit. Diese Verbindung von leibhaftigem Essen und der Erfahrung des eigenen Leer-Seins kann für Meditierende ein kostbarer Zugang sein, wie ihn zahllose Menschen erlebt haben, sowohl auf christlicher wie auch auf zen-buddhistischer Seite.

Da ist der Auftrag Jesu an die Seinen, gegeben am Abend vor seinem Tod, so wie er besonders in der Abendmahlsfeier am Gründonnerstag erinnert wird: „Nehmt und esst alle davon. Das ist mein Leib…. Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Und da sind die in den Evangelien erzählten österlich-lichtvollen Begegnungen mit dem Auferstandenen, bei denen das Essen eine Rolle spielt: „..und sie erkannten ihn, als er das Brot mit ihnen brach“. Folgt man diesen Spuren, so wird es schnell deutlich, wie kostbar Essen und Trinken für den Weg zum eigenen Wesen sein kann. Ob in unseren Sesshins die Mahl-Zeiten die Wertigkeit haben, die ihnen eigentlich gebührt?

Die Zen-Tradition weiß um die hohe Bedeutung, welche schon der Zubereitung des Essens wie auch der Mahlzeit zukommt. Es war Meister Dogen selbst, der ein Werk mit „Anweisungen für den Koch“ verfasst hat. Einer der markantesten Sätze darin lautet: „Behandle jedes Reiskorn, als ob es dein eigenes Auge wäre.“ Viele der Ratschläge, die Eingang gefunden haben in den traditionellen Ablauf eines Sesshins, lassen sich auch von der Küche auf die Mahlzeit selbst übertragen: bemüht sein um eine achtsame und aufmerksame Haltung sowie einen großherzigen, frohen und nährenden (!) Geist; schmecken mit allen Sinnen; vermeiden von Ablenkungen; erkennen des eigenen existentiellen Hungers und der materiellen Bedürftigkeit; Verbundenheit mit dem eigenen Atem und der Natur, welche die „Lebens-Mittel“ hervorbringt; Dankbarkeit für alle, die mitgewirkt haben; Bereitschaft, selbst zur Nahrung zu werden.

Immer wieder hat P. Johannes Kopp, der Gründer unseres Programms, auf die über den eigentlichen Gottesdienst hinaus weisende Bedeutung der Worte „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ hingewiesen. Für ihn war es sein Lebensmotto, das ihn in vielen Tätigkeiten leitete. Vielleicht ist gerade die tägliche Mahl-Zeit, ob allein oder in Gemeinschaft, ein Ort, wo Christen diesen Auftrag realisieren können. Im Empfangen und Geben, in der liebevollen Aufmerksamkeit für die zubereitete Speise, in der sich vergessenden Hingabe an die Nahrung, mit der ich eins werde.

Und natürlich ist Mahl-Zeit ein Wir-Erleben. Es ist ein Genährt-Werden und die Bereitschaft, selbst für andere zur Nahrung zu werden. Unsere Welt, die ihre internationale Vernetzung zurzeit mehr durch Kriege als durch notwendige Ernährungsprogramme zeigt, verbindet, ver-geschwistert uns im Essen über alle Ländergrenzen hinweg. Sieger Köder, ein vor wenigen Jahren verstorbener Maler aus dem Schwabenland, hat dies in einem Abendmahlbild auf beeindruckende Weise dargestellt: Jesus ist bis auf seine Hände unsichtbar. Er reicht einer kleinen Gruppe von erkennbar bedürftigen Menschen Brot und Wein. Dadurch, dass er am unteren Rand des Bildes sitzt, ist er dem Betrachter am nächsten und lädt diesen zu der Frage ein: „Bin ich es, der da spricht: ´Nehmt und esst…`?“

P. Paul

Das Bild ist mehrfach im Internet zu finden, z.B.:

https://www.pius-kirchgessner.de/07_Bildmeditationen/8_Neues-Testament/Mahl.htm

Erlöse uns!

Erlöse uns!

Manchmal bete ich diese letzte Vater-Unser-Bitte anders, wenn ich in der Stille, z.B. in einem Sesshin, bin. Dann ist mir deutlich geworden, dass Abhängigkeiten und Süchte, das innere Gefängnis, eine bittere Realität sind. Für diese kann ich niemand als schuldig erklären, sie ist in mir. Hunger und Durst nach Essen und Trinken, nach Anerkennung, Befriedigung und Macht können sich in der Stille zeigen; ja, ich sollte sie sogar endlich wahr nehmen – geht es doch darum, „sich selbst zu studieren“ (Meister Dogen). Alles Tun, jegliche Reaktion auf Widerfahrnisse ist wie die Welle des Meeres auf der Oberfläche. Das Eigentliche sind unsere inneren Bewegungen, die uns auch nach jahrelanger spiritueller Praxis vor die Frage stellen: Wie frei bist du wirklich?

Hier begegnen sich Jesus und Buddha als Gefährten auf dem Weg: Der eine spricht von den drei Giften, die das Leben zerstören. Unwissenheit, Abneigung und Gier schaffen es, dass das Herz unter einer ständigen Unruhe und Friedlosigkeit leidet. Es ist die Ignoranz gegenüber mir selbst, das Nicht-wahr-haben-wollen meiner eigentlichen Wirklichkeit. Es ist das Aus-dem-Weg-gehen von dem, was ich als unangenehm für mich empfinde. Und es ist das unbedingte Haben-Wollen von dem, was mir illusionär Heil und Glück vorgaukelt.

In ähnlicher Weise macht Jesus in der Geschichte seiner Wüsten-Erfahrung aufmerksam auf „Versuchungen“, in denen der Mensch erprobt und geprüft wird. Auch hier geht es wieder um den Hunger – nach Essen, nach Macht und nach übermenschlicher Größe. Und es fällt auf, dass die Überlieferung davon spricht, der Geist habe Jesus in diese Situationen geführt. Keinem Menschen bleiben diese durch Mark und Bein gehenden Fragen erspart; sie gehören zum Weg dazu.

Geduldiges Sitzen in der Stille, eintauchen in den Atem hilft und lässt nach und nach die Bewegungen zur Ruhe kommen. Der Weg dorthin ist steinig und führt immer wieder durch ein Erleben von Ohnmacht gegenüber der scheinbaren Übermächtigkeit dessen, was mich nicht aus der Abhängigkeit entlassen will. Kein Wunder also, dass Menschen immer wieder das Böse als eine eigenständige personale Macht gesehen haben, die Menschen versklavt und in nicht vorstellbarem Ausmaß dazu anleitet, Leben zu zerstören. Auch wenn ich meine eigenen Abhängigkeiten nach und nach durchschaue und „sein lasse“: Erlösung und Befreiung können nie das Ergebnis eigener Anstrengung sein, auch wenn diese dazu gehört. Alles, was der Mensch wollen kann, entspringt seinem notwendigerweise begrenzten Vorstellungsvermögen. Hier aber geht es um das Vertrauen darüber hinaus, ins Grenzenlose. Und oft geschieht der „Durchbruch“ ja gerade da, wo das innere Gefangen-Sein am drängendsten ist. Hier kommt die Kraft des Bittens, des Gebets ins Spiel: ohne oder mit Worten, aus der Tiefe. „Erlöse uns!“

Wenn ich im Grundgebet unseres Programms die Worte spreche: „der uns in unendlicher Liebe erlöst hat“, dann spüre ich, dass es hier („hat“) nicht um etwas Fertiges, Abgeschlossenes geht. Erlösung geschieht. Mitten in unserer Welt, die sich immer mehr als erlösungs-bedürftig zeigt, können wir Menschen die Türen dafür öffnen. Wir können es nicht machen, aber dazu mit unserem ganzen Sein, mit all unseren Kräften einladen und es geschehen lassen. Es ist in unsere leeren Hände gelegt.  

P. Paul